Shymbulak Ski Resort bei Almaty, Kasachstan

Ah, Kasachstan. Weite Steppe, Nomadenvolk, Schamanen, und Borat.

Na gut, die Reihenfolge stimmt hier nicht, jedenfalls nicht bei mir. Denn als sich Kasachstan als mögliches Reiseziel auftut, ist mein erster Gedanke: “Oh nee, jetzt muss ich doch ‘Borat’ gucken!”.

In der gleichnamigen Mockumentary von 2006 gibt der Comedian Sacha Baron Cohen vor, ein kasachischer Reporter zu sein, der Amerika erkundet. Das Ganze hat mit Kasachstan so viel zu tun wie ein Einhorn mit dem Satz des Pythagoras, aber so was lässt sich ja erst nach Filmkonsum mit Gewissheit sagen, und genau das tue ich hiermit.

Christ-Himmelfahrt-Kathedrale, Almaty, Kasachstan

Kasachstan ist das neuntgrößte Land der Erde (in etwa so groß wie Westeuropa, mit einer Einwohnerzahl vergleichbar mit der von Holland) und zieht viele Reisende aufgrund seiner unberührten und abwechslungsreichen Landschaft an.

Meine Mission ist jedoch nicht etwa, wehenden Haares auf einem Pferd über die kasachische Steppe zu fliegen, sondern mir Almaty anzusehen, die größte Stadt der Republik. Auf die Landschaft muss ich trotzdem nicht verzichten: Almaty liegt am Fuße vom Transili-Alatau, einem Teilgebirge des Tian Shan, und innerhalb einer halben Stunde Fahrt hat man die ehemalige Hauptstadt gefühlt weit hinter sich gelassen und kann sich an der beeindruckenenden Berglandschaft (gar nicht) satt sehen.

Großer Almaty See, Kasachstan

Einen solchen Ausflug kann ich jedem Besucher Almatys nur empfehlen. Doch auch die Stadt lohnt sich zu erkunden. In Kasachstan leben über 50 verschiedene Ethnien mit über 40 verschiedenenen Konfessionen zusammen, und Almaty spiegelt das Verschmelzen der Kulturen gut wieder. Alles ist bunt durcheinander gewürfelt in der entspannten Millionenstadt; da ist sie konsequent, und das macht ihren Charme aus.

Würde ich Almaty als klassisch schön bezeichnen? Nein, das wohl nicht. 1910 zerstörte ein Erdbeben die Stadt, und damit den größten Teil der hübschen alten Holzhäuser. Die hier zahlreich vertretenen Gebäude und Plätze der sozialistischen Architektur wirken auf mich (und das auch in anderen Ländern) oft unbeseelt.

Palast der Republik mit Abay-Statue, Almaty, Kasachstan

Trotzdem kann ich gut nachvollziehen, daß die Stadt sehr beliebt ist. Die Atmosphäre ist friedlich und gelassen, und ich entdecke ständig Dinge, die mich ansprechen, verwundern, amüsieren oder meine Neugier wecken. Ich halte die Augen auf, weil nicht vorhersehbar ist, was sich hinter der nächsten Straßenecke verbirgt, und sauge alles auf wie ein Schwamm – Schönes, Kurioses, Exotisches, Alltägliches.

Unauffällig bleiben! - Almaty, Kasachstan

Zudem ist Almaty eine der grünsten Städte im postsowjetischen Raum, mit Bäumen, Büschen, Blumenbeeten und Grünflächen satt. Zum Beispiel der riesige Park des Ersten Präsidenten mit seinem imposanten Eingang, hinter dem die Berge zu sehen sind. Diesen Anblick nutzen besonders gerne Hochzeitspaare, um sich davor ablichten zu lassen. Das erklärt dann auch die Armada von Stretch-Limousinen auf dem Parkplatz nebenan. Romance is not dead!

Limousinen in Almaty, Kasachstan

Tatsächlich, wer hätte es gedacht: Almaty ist die inoffizielle Hauptstadt für Hochzeiten. Sogar für die Verlobung, ein wichtiges Ereignis in Kasachstan, gibt es hier einen angesagten Ort: das Restaurant im 38. Stock des Ritz-Carlton Hotels. Den wunderbaren Blick durch die verglaste Front über die Stadt bis hin zu den Bergen und die exzellenten Speisen und Getränke kann man natürlich auch genießen, ohne verliebt zu sein. Doch das Ritz-Carlton hat sich auf romantische Dinners spezialisiert und kann bei ausgefallenen Verlobungen fast alle Träume wahr machen – so geschehen bereits knapp hundertmal innerhalb der letzten zwei Jahre!

Table for two, The Ritz-Carlton Almaty

Langweilig werden muss es jedenfalls niemandem in Almaty. Es gibt viele Sehenswürdigkeiten: prächtige Moscheen, eindrucksvolle Kirchen; den Aussichtspunkt Kok Tobe, der per Gondel zu erreichen ist; den Grünen Basar, auf dem man vom Radiergummi bis zum Hühnerfuss alles findet (und die günstigsten Souvenirs); die Arbat-Straße, eine Fußgängerzone, in der jeden Samstag ein Kunsthandwerksmarkt stattfindet; Einkaufszentren, und natürlich die Museen.

Dudygha, Schlaginstrument aus Holz, Haut und Metall

Diese geben viel Aufschluss über die Nomadenkultur der Kasachen, zum Beispiel im Museum für Volksmusikinstrumente, oder im Zentralen Staatlichen Museum, das faszinierende Ausgrabungsobjekte ausstellt, einen Goldschatz, aber auch eine Jurte und Exponate zu Kleidung und Gebrauchsgegenstände der Nomaden. Schade ist nur, daß zumindest im Zentralen Staatlichen Museum oft die englischen Beschreibungen fehlen. Wer dort das meiste aus seinem Besuch machen möchte, organisiert sich also vielleicht vorher einen Führer.

Der goldene Mann vom Issyk, Staatliches Museum

Und was wird traditionell in Almaty gegessen? Ganz weit oben auf der Karte steht ein Gericht aus der Nomadenkultur: breite, platte Nudeln mit Pferdefleisch. Wer kein Pferdefleisch essen mag, muss aber nicht verhungern. Erstmal gibt es immer Brot und auch leckere Salate und Gemüse, und dann greift zudem wieder der kasachische Schmelztiegel, der beliebte Gerichte aus den Küchen anderer Nationalitäten integriert. So kommt es mir vor, als hätte ich mich in Almaty durch die halbe Welt gegessen. Auf eine sehr, sehr leckere Art und Weise!

Traditionelles Essen in einer Jurte, Almaty, Kasachstan

Als ich schließlich wieder im Flugzeug nach Deutschland sitze und die Eindrücke von meinem fünftägigen Aufenthalt Revue passieren lasse, fällt mir auf, daß ich kein einziges Mal an Borat gedacht habe. Ich lehne den Kopf zurück und schließe zufrieden die Augen.

Autor: Vera Wolters, 36 Jahre alt, reist gerne und hat bereits in Kanada, Australien, Neuseeland und Frankreich gelebt. Derzeit wohnt sie in Hamburg und plant das nächste Abenteuer

Vielen Dank an die Stadt Almaty für die Einladung!